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Stockholm Live (XII):

Warum habt ihr nicht „Nein“ gesagt?

Das schwedische Rentensystem muss immer wieder als Vorbild für Deutschland herhalten. In der Tat ist es gut aufgestellt. Das heißt aber noch lange nicht, als gäbe es im Norden keine Irrungen und Wirrungen, ganz im Gegenteil auch dort wird diskutiert, gestritten, umgebaut – gelegentlich sogar auch mal ins Dingenskirchen gegriffen, und zwar ordentlich. Reiner Gatermann berichtet aus dem Norden.

Nicht zuletzt deutsche Politiker schauen mit Bewunderung, zuweilen offenbar auch etwas Neid auf Schweden und sein Rentensystem. Aber wo Sonne ist, gibt es bekanntlich auch Schatten. Ständige Diskussionen um die richtige Strategie gibt es auch hier, und man braucht nur Northvolt und die AP-Fonds sowie Alecta zu nennen, um zu sehen, dass auch im vielbesungenen Norden nicht immer alles glatt läuft.

Straßenszene in Södermalm. Foto: Baz.

Da ist von „ungeeigneten noch zulässigen Investitionen“ (Northvolt) die Rede, und Alecta macht Schlagzeilen mit „Millionenstrafen“.

Das tarifliche Superschwergewicht

Fangen wir mit Alecta an. Die 1917 gegründete Betriebsrentengesellschaft auf Gegenseitigkeit, Kampfgewicht satte 1,4 Bio. SEK entsprechend ca. 125 Mrd. Euro und damit BVK-Liga, befindet sich in der gemeinsamen Verwaltung durch den Arbeitgeberverband Svensk Näringsliv und das Gewerkschaftskartell PTK.

Seit jeher stand Alecta in dem Ruf, solide Arbeit zum Besten seiner rund 2,9 Mio. Berechtigten – die Angestellten der Privatwirtschaft – und etwa 37.000 Mitgliedsunternehmen zu leisten. Bis 2023.

Bitte, Ihr Hut!“

Seinerzeit verzockten sich die Schweden ein klein wenig. Sie hatten 19,6 Mrd. SEK (ca. 1,8 Mrd. Euro) in drei US-amerikanische Nischenbanken investiert: Silicon Valley, Signature und First Republic. Dieses Engagement mussten sie im Zuge der kleinen seinerzeitigen Bankenkrise 2023 zu praktisch 100% abschreiben. Vorstandschef Magnus Billing kommentierte seinerzeit etwas nonchalant: „Sicherlich, das ist viel Geld, aber wenn man das in Relation zu unserem verwalteten Vermögen setzt, so ist es wenig.“ Die öffentliche Kritik war nicht nur berechtigt, sondern auch drückend. Folge: Er musste seinen Hut nehmen, zusammen mit Aufsichtsratsvorsitzender Ingrid Bonde und anderen.

Im Frühjahr schloss die Finanzaufsichtsbehörde Finansinspektionen (FI) die Untersuchung dieser Investitionen ohne weitere Konsequenzen ab.

Beyond Banks: Real Estate

Doch damit nicht genug. Etwa gleichzeitig zu den Investments bei den kleinen US-Banken, also ungefähr seit 2019, engagierte sich Alecta stark in die in Malmö ansässige Wohnungsgesellschaft Heimstaden Bostad, mit etwa 156.000 Wohnungen in neun Ländern der größte private Akteur Schwedens.

Stockholm: Blick von Slussen auf Gamla Stan. Foto: Baz.

Über die Muttergesellschaft Heimstaden AB wird sie kontrolliert von dem norwegischen Milliardär Ivar Tollefsen, der einen Anteil von 36% und 50,1% der Stimmrechte hält. 38,7% der Anteile und 30,4% der Stimmrechte hält: Alecta. Den Rest teilen sich u.a. Schwedens größter und gewerkschaftsnaher Versicherer Folksam und mit einem kleinen Anteil auch das Rentenamt Pensionsmyndigheten.

Den Einfluss freiwillig aufgegeben?

Dieses Engagement erregte schon bald Aufsehen in der Branche und in den Medien wegen seiner ungewöhnlichen Konditionen. Auch Finansinspektionen wurde aufmerksam und leitete 2023 ein Verfahren ein, das in diesem März zu einem für Alecta verheerenden Urteil führte:

„Alecta ist einen Aktionärsvertrag mit den übrigen Teilhabern von Heimstaden Bostad eingegangen, der sehr komplex ist und große Auswirkungen auf die Investitionen des Unternehmens hat. Die FI-Untersuchung hat ergeben, dass der Vertrag große Anreizunterschiede zwischen den Teilhabern enthält und zudem auch große Unterschiede in den Einflussmöglichkeiten auf die Führung von Heimstaden Bostad aufzeigt. Schließlich hat Alecta nur äußerst begrenzte Möglichkeiten, ihre Investitionen abzuwickeln.“ Dies wäre Medienberichten wohl ursprünglich frühestens zwischen 2045 und 2047 möglich.

Dafür die Höchststrafe

Zu Beginn dieses Investments hatten die Schweden durchaus Einfluss. Sie stellten nicht nur den Aufsichtsratsvorsitzenden, sondern hatten bei wichtigen Investitionsentscheidungen wohl auch ein Vetorecht. Diese Positionen gab man im Laufe der Zeit auf. Dazu stellt Leonard Weber Linnarsson, bei FI zuständig für Versicherungen, fest: „Alecta hat ganz einfach nicht die Investitionsrisiken identifiziert.“ Die Folge: FI verhängte am 18. März über Alecta die höchstmögliche Strafe von 50 Mio. SEK (4,5 Mio. Euro), verbunden mit einer Verwarnung.

Dies ist eine Investition, die Alecta nie gemacht haben sollte.“

Es hätte durchaus schlimmer kommen können. Leonard Weber Linnarsson: „Es handelt sich hier um ernsthafte Regelverstöße. Deswegen ist es unsere Pflicht zu prüfen, einem Unternehmen, das in diesem Bereich tätig ist, die Betriebserlaubnis zu entziehen.“ Gesagt, getan, und man kam zu dem Schluss: „In diesem Fall hat Alecta verschiedene Maßnahmen ergriffen, so dass wir die Wahrscheinlichkeit, dass Alecta in Zukunft den Regeln folgen wird, als gut ansehen.“ Also kein Lizenzentzug.

Stabübergabe ante Portas

In Alectas Hauptverwaltung in der Stockholmer Regeringsgatan hat es seinerzeit sicherlich einen Seufzer der Erleichterung gegeben. Vorstandschef Peder Hasslev hatte schon früher festgestellt: „Dies ist eine Investition, die Alecta nie gemacht haben sollte.“

Hasslev verabschiedet sich im kommenden Herbst als 63jähriger in den Ruhestand. Er war 2023 geholt worden, um das arg zerrüttete Vertrauen in das Unternehmen wieder herzustellen. Jetzt sagte er der Wirtschaftstageszeitung Dagens Industri: „Das Sanierungsprogramm, mit dem wir in den letzten Jahren gearbeitet haben, ist durchgeführt, und Alecta ist auf dem Weg in eine Phase, in der meine Kompetenz und meine Eigenschaften nicht mehr gleich wertvoll sind.“ Und fügt hinzu: „Es ist noch genauso viel Arbeit übrig, um den eingeschlagenen Weg zu festigen.“ Sein Nachfolger wird Pablo Bernengo, seit Dezember 2023 bereits Kapitalverwaltungschef.

Als Nebenschauplatz sei festgestellt, dass gegen einige Alecta-Mitarbeiter, die an den damaligen Investitionsbeschlüssen beteiligt waren, heute offenbar immer noch Ermittlungen wegen Korruption anhängig sind, möglicherweise, weil sie kurz danach in die Dienste von Ivar Tollefsen getreten sind.

Northvolt: Neues vom Scherbenhaufen

Und nun zu Northvolt, oder genauer, zu den vier AP-Fonds, die sich auf abenteuerliche Weise an „Europas größtem Batteriewerk“ beteiligt hatten.

Die ersten vier damaligen AP-Fonds (nicht der seinerzeitige AP6 – obwohl auf nicht-notierte Assets fokussiert – und nicht der AP7, der der Prämienpension dient) sind sog. Pufferfonds, die die Rentenbeiträge der ersten Säule (allgemeine Rente) verwalten. Sie investierten 5,8 Mrd. SEK (525 Mio. Euro) in das Projekt Northvolt, das insgesamt 88 Mrd. SEK (8 Mrd. Euro) verschlungen hatte, bevor es im März 2025 offiziell in den „größten Konkurs der modernen schwedischen Geschichte“ rutschte. Nicht, dass die vier AP-Fonds einstiegen, sondern die Art und Weise sind das Ungewöhnliche.

Mit dem Briefkasten abseits der Regeln?

Eigentlich dürfen die vier APs laut ihren vom Parlament festgelegten Regeln gar nicht unmittelbar in unnotierte Wertpapiere investieren bzw. nur im Sinne von Risikokapital. Und Northvolt war damals noch ein gutes Stück von einem börsennotierten Unternehmen entfernt. Dennoch, die damaligen Fonds wollten doch so gerne dabei sein, denn – wie es später in einem Untersuchungsbericht hieß – „es gab einen starken Trend, sowohl in der Wirtschaft als auch in der Politik, in grüne Projekte zu investieren“.

Flugs bildeten die vier Fonds den speziellen Fonds 4to1 Investment, faktisch eine echte Briefkastenfirma und mit dem Zweck, „sukzessiv und selbständig ein Portefeuille aufzubauen, um in Unternehmen mit Haltbarkeit und Umstellung zu investieren“. Praktisch hatte der Fonds allerdings nur eine einzige Aufgabe: bei Northvolt einzusteigen.

Nicht der Beschluss an sich war ungewöhnlich, sondern wie er 2021 realisiert wurde. Er wurde später in der Presse als „erstaunlich“ beschrieben.

Der Fonds 4to1 Investment verfügte über keine eigenen Räumlichkeiten oder Mitarbeiter, über keine eigene Analysekapazität, die Aufsichtsratsmitglieder kamen aus den vier Fonds, und der Vorstandsvorsitzende war ein teilzeitbeschäftigter freischaffender Firmenberater, der früher als Chefjurist für den AP2 Fonds tätig gewesen war. Laut dem schwedischen Sender SVT soll dereinzige Auftrag des Fonds gewesen sein, „das Gesetz zu umgehen“.

Die Investition war eher politisch als wirtschaftlich.“

März 2026: In dem Bericht des nach langem Zögern von der Regierung bestellten PrüfersMats Langensjö heißt es: „Die Investition war eher politisch als wirtschaftlich“. Und „Der Mangel an Substanz bei dieser Investition spricht dafür, dass der Fonds ausschließlich geschaffen wurde, um eine spezifische Direktinvestition durchzuführen, die nicht im Rahmen der gesetzlichen Anlagevorschriften lag.“

Einer sagte: „nicht mit mir“

Die in den Medien und von anderer Seite geforderten persönlichen Konsequenzen wurden lange ignoriert. Nach einer Anhörung vor dem parlamentarischen Finanzausschuss konnte Eva Halvarsson, Vorsitzende des AP2, noch in die Mikrophone sagen: „Wir glaubten, dies war eine spannende Möglichkeit für eine Investition. Dass wir damit die Gesetze umgehen wollten, stimmt ganz einfach nicht. Wir handelten völlig gesetzeskonform.“

Interessanterweise hat der AP-Fonds, der eigentlich dafür geschaffen und prädestiniert war, in Risikopapiere zu investieren, der AP6, Northvolt nicht mit den Fingerspitzen angefasst. Dessen damalige CEO, Katarina Staaf, erklärte: „Wir sagten nein, wir fanden es zu risikoreich.“ Ausgerechnet dieser AP6 ist bekanntlich zu Jahresbeginn in dem AP2 aufgegangen, und das nicht ganz konfliktfrei.

Katarina Staaf, seinerzeit AP6.

Dann kam der konservative Finanzmarktminister Niklas Wykman doch nicht umhin, die Konsequenzen zu ziehen, am 29. Mai entließ er drei der vier Verwaltungsratsvorsitzenden der Fonds. Den vierten konnte er nicht mehr entlassen, der war schon vorher gegangen. Laut Peter Wennblad, Kommentator in der konservativen Tageszeitung Svenska Dagbladet, gab sich der Minister redliche Mühe, das Wort „Rausschmiss“ zu vermeiden.

Reiner Gatermann, Stockholm.

Das zur heutigen Headline anregende Kulturstück findet sich hier.

Reiner Gatermann ist Deutscher, lebt und arbeitet aber seit rund fünf Jahrzehnten in Stockholm und war von 1980 bis 1985 und von 1999 bis 2007 (dazwischen in London) der Nordeuropa-Korrespondent der Tageszeitung Die Welt.

In der Reihe Stockholm Live von Reiner Gatermann sind bisher auf PENSIONS/ALTERNARTIVESINDUSTRIES erschienen:

Stockholm Live (XII):
Warum habt ihr nicht „Nein“ gesagt?
von Reiner Gatermann, 13. August 2026

Live aus Stockholm (XI):
Rausschmiss, Rechtsstreit, Rente
von Reiner Gatermann, 9. Juli 2026

Stockholm Live (X):
Schlechter schluckt besser?
von Reiner Gatermann, 20. April 2026

Stockholm Live (IX):
Another Fund bites the Dust?
von Reiner Gatermann, 24. November 2025

Stockholm Live (VIII): Wallenberg – von der fünften in die sechste:
Talking about next Generation
von Reiner Gatermann, 2. Juni 2025

Stockholm Live (VII):
Schwedischer Scherbenhaufen
28. April 2025

Stockholm Live (VI):
Der schiefe Turm von Stockholm
9. Dezember 2024

Stockholm Live (V):
„Gimme, gimme gimme my Tax“
3. Juni 2024

Stockholm Live (IV):
Nordische Kombination
12. April 2024

Stockholm Live (III):
All das deutet in die falsche Richtung“
1. März 2024

Statens årskullsförvaltningsalternativ (II):
Rückennummer 7
4. Oktober 2022

Statens årskullsförvaltningsalternativ (I):
Nordish Pension by Nature
19. September 2022

Diskriminierungsfreie Sprache auf LEITERbAV

LEITERbAV bemüht sich um diskriminierungsfreie Sprache (bspw. durch den grundsätzlichen Verzicht auf Anreden wie „Herr“ und „Frau“ auch in Interviews). Dies muss jedoch im Einklang stehen mit der pragmatischen Anforderung der Lesbarkeit als auch der Tradition der althergerbachten Sprache. Gegenwärtig zu beobachtende, oft auf Satzzeichen („Mitarbeiter:innen“) oder Partizipkonstrukionen („Mitarbeitende“) basierende Hilfskonstruktionen, die sämtlich nicht ausgereift erscheinen und dann meist auch nur teilweise durchgehalten werden („Arbeitgeber“), finden entsprechend auf LEITERbAV nicht statt. Grundsätzlich gilt, dass sich durch LEITERbAV alle Geschlechter gleichermaßen angesprochen fühlen sollen und der generische Maskulin aus pragmatischen Gründen genutzt wird, aber als geschlechterübergreifend verstanden werden soll. Auch hier folgt LEITERbAV also seiner übergeordneten Maxime „Form follows Function“, unter der LEITERbAV sein Layout, aber bspw. auch seine Interpunktion oder seinen Schreibstil (insb. „Stakkato“) pflegt. Denn „Form follows Function“ heißt auf Deutsch: "hässlich, aber funktioniert".

Alle Bilder von Kassandra ab Februar 2025 sind KI-generiert.

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